Sehr geehrter Herr Raue,
am 28.10.2006 bezweifeln Sie in der Braunschweiger Zeitung, dass ein Politiker heute einen Journalisten so loben würde, wie Willy Brandt Fritz Sänger gelobt hat. Die Voraussetzungen für solches Lob finden Sie bei Brandt, den Sie zitieren: Mutig solle er schreiben, der Journalist, Dinge beim Namen nennen, sich gegen Unrecht wehren, dem Übermut der Bürokratie und der Arroganz der Macht die Stirn bieten, für die Schwachen Partei ergreifen. Hier spätestens fragt man sich: Warum wollen Sie, Herr Raue, dieser Journalist nicht sein? Warum prangern Sie nicht mutig an, dass Ministerpräsident Wulff seine Wahlkampfversprechen (Bürokratieabbau, Geld sparen) nicht hält, sondern z.B. ein Nationalparkgesetz eingebracht hat, das die wohl größte Nationalparkbürokratie der Welt überflüssigerweise stabilisiert, das den Steuerzahler 300 Millionen kosten wird, die man für sinnvollere, notwendigere Dinge ausgeben könnte? Warum prangern Sie nicht den Übermut und- mit Verlaub – die Unfähigkeit der Bürokraten an, nennen Namen, die mit ECE einen dreißigjährigen, für ECE renditeträchtigen Mietvertrag im Namen der Stadt schließen, der nur die Anmietung von Betonhöhlen festlegt, die weder klimatisiert sind noch über Warmwasser verfügen; einen Vertrag, der die Stadt noch mindestens 1,2 Millionen bis zur Bezugsfertigkeit der Betonhöhlen kosten wird? Sicher kennen Sie das Schreiben zur Einladung der Ratsmitglieder zur Besichtigung der Baustelle Bohlweg? Da steht der Betrag drin. Warum wenden Sie sich nicht gegen den unsäglichen Beschluß dieser Bürokraten, die letzten lebenden Reste des Schloßparks, die beiden ehrwürdigen Platanen, für einen verfehlten Bebauungsplan zu opfern? Dass Herr Gott, der Bauherr, das nicht verlangt, dürfte Ihnen ebenfalls bekannt sein. Warum schreiben Sie nicht mutig darüber, dass ‚Schlossarkaden‘ überhaupt der dümmste Ausdruck für ein Kaufhaus mit Schlossfassade ist, weil dieses Bauwerk weder Schloss ist noch Arkaden hat? Warum zwingen Sie – und sei es durch vorauseilenden Gehorsam – Ihre Redakteure, vom Wiederaufbau des ‚Schlosses‘ zu sprechen? Warum ist es Ihnen nicht möglich, die Abwasserprivatisierung als enteignungsgleichen Vorgang gegenüber den Eigentümern zu sehen, nämlich den Gebühren zahlenden Bürger, dies darzustellen? Warum nicht den Verkauf als verdeckte Kreditaufnahme? Warum können Sie nicht klare Worte finden gegenüber einem Polizeiräsidenten oder einem OB, die in Sachen Polizeieinsatz auf Kosten fundamentaler Bürgerrechte zu Gunsten von Neunazis noch heute falsch liegen und offensichtlich nicht daran denken, sich zu entschuldigen? Warum kein Wort darüber, dass der ‚kleine‘ Handwerker vom ECE-Bau nichts hat, noch nicht einmal Herr Funke, dessen Betrieb am Bau wegen Kleinheit nicht mitwirkt? Warum verbeugen Sie sich vor der ‚Macht‘, indem sie Leserbriefe abdrucken, in denen es heißt, erst Herr Hoffmann habe Braunschweig ein Gesicht gegeben? Warum eine elende Artikelserie über einen ‚treuen’General, der mit einem einzigen Schuß in Hitlers Visage Millionen Menschenleben hätte retten können? Warum kein Wort darüber, wer sich unter Hitler auch in Braunschweig zum Schnäppchenpreis jüdisches Eigentum angeeignet hat und noch besitzt? Sie haben Redakteure, die darüber bestens schreiben könnten!
Sie sitzen auf dem Platz von Herrn Sänger, warum wollen Sie ihn nicht einnehmen? Dagegen spricht doch nichts, nichts Wirtschaftliches und Ethisches schon gar nicht. Ermuntern Sie auch Ihre Journalisten, mutig zu sein, Dinge beim Namen zu nennen, Unrecht, Dummheit, Unfähigkeit, bürokratisch oder nicht, zu bennen, der Arroganz der Macht die Stirn zu bieten. Ich bin überzeugt davon, dass Herr Arndt Voigt, der früh verstorbene Miteigentümer der Braunschweiger Zeitung, ein Freund und Förderer, Ihnen das alles auch selbst gesagt hätte, wäre er noch am Leben, dass diese Zeilen dann überflüssig wären.
Mit freundlichen Grüßen
Reinhard Hoffer